Seit ChatGPT Ads in Österreich buchbar sind, kursieren die üblichen Erfolgsmeldungen. Hohe Aufmerksamkeit, starke Ergebnisse, neuer Kanal mit riesigem Potenzial. Wer dann fragt, woher die Zahlen eigentlich kommen, bekommt erstaunlich oft keine belastbare Antwort.
Es gibt noch keinen offiziellen Benchmark
Der wichtigste Punkt zuerst: Für ChatGPT Ads gibt es derzeit keinen veröffentlichten kanalweiten Durchschnitt von OpenAI für Klickrate, Conversion-Rate, Kosten pro Abschluss oder ROAS. Das stellen zwei unabhängige Auswertungen ausdrücklich fest, Lapis und Tru Commerce.
Was es stattdessen gibt, sind frühe Orientierungswerte. Tru Commerce nennt unter Verweis auf eMarketer rund 0,9 Prozent Klickrate für ChatGPT Ads. Zum Vergleich führt Tru Commerce rund 6,4 Prozent für Google Suchanzeigen und rund 1,71 Prozent für Meta an.
Aus eigenen US-Kampagnen seit Juli 2026 meldet Tru Commerce zudem rund 1,3 Prozent Klickrate. Das ist interessanter als eine Behauptung aus zweiter Hand, aber noch lange kein Marktbenchmark. Es ist ein früher Praxiswert aus einem begrenzten Datensatz.
Bei den Kosten gibt es zumindest eine offizielle Orientierung. OpenAI empfiehlt in der eigenen Dokumentation für den Handel Startgebote von rund 3 bis 5 US-Dollar pro Klick. Dass Software und Finanz in der Praxis höher liegen können, ist dagegen eine Beobachtung von Tru Commerce, keine Vorgabe von OpenAI.
Die saubere Einordnung lautet deshalb: Diese Zahlen sind Hinweise. Sie stammen aus wenigen, frühen Quellen und einzelnen Kampagnen. Wer daraus schon allgemeingültige Branchenbenchmarks baut, macht aus ein paar Messpunkten ein Marktbild, das es noch nicht gibt.
Was die ersten Zahlen wirklich sagen
Die auffälligste Zahl kommt derzeit nicht aus einer Werbekampagne, sondern aus organischem Verweis-Traffic. Seer Interactive hat für einen einzelnen B2B-Kunden den Traffic aus verschiedenen KI-Systemen mit Google Organic verglichen. In diesem Fall konvertierten Besucher, die über ChatGPT auf die Website kamen, mit 15,9 Prozent, Google Organic lag bei 1,76 Prozent. Das ist fast das Neunfache, aber es ist ein einzelner Kundenfall und kein allgemeiner Benchmark, den Sie einfach auf Ihr Unternehmen übertragen können.
Noch wichtiger ist die Größenordnung dahinter. SE Ranking bezifferte den Anteil von KI-Referral-Traffic im Jahr 2025 auf rund 0,15 Prozent des gesamten Web-Traffics. Eine sehr hohe Conversion-Rate auf einer sehr kleinen Traffic-Menge kann deshalb in absoluten Zahlen immer noch wenig Umsatz oder wenige Leads bedeuten. Genau deshalb gehört die Zahl 15,9 Prozent immer neben ihren Kontext: spannend als Signal, zu klein und zu schmal als Grundlage für große Versprechen.
Und hier muss sauber getrennt werden. Diese 15,9 Prozent beschreiben organischen Referral-Traffic aus ChatGPT, also Menschen, die aus einer KI-Antwort auf eine Website geklickt haben. Sie beschreiben nicht die Performance bezahlter ChatGPT Ads. Wer daraus ableitet, dass bezahlte Anzeigen in ChatGPT automatisch ähnlich konvertieren, vermischt zwei verschiedene Kanäle und baut eine Prognose auf etwas, das die Quelle gar nicht gemessen hat.
Warum die Klickrate nicht mit Google vergleichbar ist
Bei Google beginnt die Situation typischerweise mit einer Suchanfrage und einer Ergebnisseite. Der Nutzer sieht Treffer und Anzeigen, scannt Optionen und entscheidet dann, worauf er klickt. In ChatGPT ist die Reihenfolge anders: Zuerst kommt die Antwort auf die Frage, erst darunter kann Werbung erscheinen. In vielen Fällen hat diese Antwort bereits einen großen Teil des Informationsbedarfs erfüllt, bevor der Nutzer die Anzeige überhaupt sieht.
Dazu kommt: OpenAI spricht ausdrücklich nicht von genau einer Anzeige pro Antwort. Im Help Center steht, dass bei einem relevanten Match eine oder mehrere Anzeigeneinheiten unter einer ChatGPT-Antwort erscheinen können und dass eine Einheit Elemente eines oder mehrerer Werbetreibender enthalten kann. Damit verändert sich auch der Wettbewerb um Aufmerksamkeit innerhalb derselben Antwort. Eine hohe oder niedrige Klickrate in ChatGPT ist deshalb nicht automatisch besser oder schlechter als dieselbe Klickrate in Google Ads, weil Ausgangssituation, Platzierung und Auswahlmechanik unterschiedlich sind.
Deshalb sollten Sie die Klickrate nicht als isolierte Siegerzahl behandeln. Sie ist eine Diagnosezahl: Wie oft klicken Menschen, nachdem Ihre Anzeige tatsächlich ausgespielt wurde? Entscheidend wird sie erst zusammen mit Kosten, Qualität des Traffics und dem, was nach dem Klick passiert.
Was Sie stattdessen messen sollten
Für ein Unternehmen zählt am Ende keine hübsche Klickrate im Dashboard, sondern ob aus dem eingesetzten Budget wirtschaftlich sinnvolle Ergebnisse entstehen. Deshalb sollten Sie vom Ziel rückwärts messen: Was ist eine Anfrage, Registrierung oder ein Kauf für Sie wert, wie viele davon kommen über die Kampagne und was kostet Sie dieses Ergebnis?
Der Ads Manager zeigt Impressionen, Klicks, Ausgaben, Klickrate, durchschnittlichen Klickpreis, durchschnittlichen Tausenderkontaktpreis und Conversions, auswertbar auf Kampagnen-, Anzeigengruppen- und Anzeigenebene und als CSV exportierbar. Wenn Sie eine Datenquelle mit Ihrem Anzeigenkonto verbinden und Conversion-Ereignisse über den Pixel, die Conversions API oder beide senden, kann der Ads Manager diese Aktionen nach einem Anzeigenklick den Kampagnen zuordnen.
Das ist auch der Punkt, an dem sich ein Test von bloßer Neugier trennt. Ein neuer Kanal muss sich nicht am ersten Tag gegen Google, Meta oder Ihren stärksten bestehenden Kanal durchsetzen. Er muss zeigen, ob er für Ihr konkretes Angebot zusätzliche Nachfrage wirtschaftlich erschließen kann. Wenn die Daten das nicht zeigen, wird nicht romantisiert, sondern gestoppt, angepasst oder verworfen.
Ein Nein ist ein brauchbares Ergebnis
Wenn Ihr Angebot nicht passt, die Messung keinen sauberen Test zulässt oder ein anderer Kanal im Moment offensichtlich sinnvoller ist, sage ich Ihnen das. Ein Nein ist hier ein brauchbares Ergebnis, weil es Ihnen Budget, Zeit und falsche Erwartungen spart. Der Zweck des Erstgesprächs ist nicht, Sie in ChatGPT Ads hineinzureden, sondern herauszufinden, ob der Kanal für Ihr Unternehmen einen wirtschaftlich vernünftigen nächsten Schritt darstellt.
Wenn die Antwort Ja lautet, haben Sie eine klare Testhypothese statt Marketing-Nebel. Wenn die Antwort Nein lautet, wissen Sie wenigstens, warum. Beides ist besser, als Geld in einen neuen Kanal zu werfen, nur weil gerade alle darüber reden.